Das Zigeunermädchen und der Stadtjunge

von Thea Sieber

Vor langer, langer Zeit lebte ein junges Zigeunermädchen in einem Dorf nahe der Stadt....

Ihre Familie war schon vor Generationen sesshaft geworden. Sie selbst war immer etwas anders als alle anderen Zigeunermädchen, schon allein, weil sie blonde und nicht schwarze Haare hatte. Als eine der ersten durfte sie in die Stadt zur Schule gehen. Sie liebte die Musik und besonders das Tanzen, so lernte ihr der Vater bereits mit 9 Jahren das Walzer tanzen.

Die Mutter wusste um die Liebe ihres Mädchens zum Tanzen und erlaubte ihr mit 15 Jahren einen Tanzkurs in der Stadt zu besuchen. Voller Freude und ganz aufgeregt, ging das Zigeunermädchen zusammen mit ihrer Freundin aus der Nachbarortschaft zur ersten Tanzstunde. Alles war neu und sie war ziemlich aufgeregt.

Weil ihre Familie damals noch kein Auto besaß, mussten die beiden mit dem Zug in die Stadt fahren. Und ausgerechnet an diesem Tag hatte der Zug natürlich Verspätung. Über 15 Minuten zu spät kamen das Zigeunermädchen und ihre Freundin im Tanzsaal an und so setzten sie sich auf die einzigen noch freien Plätze, gerade neben eine Horde von Stadtjungen.

Einer von ihnen grinste ganz frech, hatte schwarze Haare und ein ganz auffallendes Hemd an, sodass dieses das Augenmerk des Zigeunermädchens auf sich zog. Sie musste lachen, denn das Muster des Hemdes erinnerte sie an den Schlafanzug ihres Bruders.

Der Stadtjunge merkte dies sofort und forderte neugierig das Mädchen zum ersten Tanz auf. Beide spürten dann, dass sie sich gut leiden mochten. Und so kam es, dass sie sich zu jeder Tanzstunde verabredeten.

Mit der Zeit verliebten sich die beiden ineinander und irgendwann küsste der Stadtjunge das Mädchen. Von da an waren sie viel zusammen, so lange bis sie beschlossen zu heiraten.

Es war ein heißer Tag, im Juni 1976, als die Kirchen-Glocken für die beiden läuteten und sie voller Liebe zueinander JA sagten.

Sie hatten sich von dem wenigen Ersparten, das sie hatten, eine kleine Wohnung im Dorf des Zigeunermädchens eingerichtet und waren sehr glücklich und die Sonne schien ihnen immer zu scheinen…

Aber wie das im Leben manchmal so ist, zogen nach einiger Zeit dunkle Wolken am Himmel auf. Es gewitterte und es wurde auch oft stürmisch. Doch der Stadtjunge und das Zigeunermädchen spürten, dass nach diesen Wolken auch immer wieder die Sonne anfing zu scheinen.

Der Stadtjunge war inzwischen ein junger Mann geworden und das Zigeunermädchen eine erwachsene Frau. In den folgenden Jahren wurden ihnen 3 Kinder geboren, zwei Mädchen und ein Junge. So waren sie zu einer großen, glücklichen Familie geworden.

Nach der Geburt des dritten Kindes kamen dem Stadtjungen viele Gedanken in den Kopf, er wollte unbedingt alles tun, damit seine Kinder es leichter hatten, nicht so viel sparen mussten und vor allem einen leichten Start in ihr eigenes Leben hatten. So vertiefte sich der Mann, der einst ein Stadtjunge war, in seine Arbeit. Er arbeitete viel und oft sogar am Samstag und Sonntag, sodass das Zigeunermädchen, die inzwischen eine Mutter war, oft sehr viel alleine und traurig war.

Trotzdem hielten die beiden so gut es ging zusammen und freuten sich daran, dass die Kinder groß und größer wurden.

In einer Zeit, in der das Wetter immer unberechenbarer wurde, kam für alle plötzlich, aber nicht unerwartet, ein großer Tsunami über das Land. Der Stadtjunge und das Zigeunermädchen wurden kräftig durchgeschüttelt, verloren einander fast aus den Augen. Gerade als der Tsunami so stark war, dass er alles zu zerschlagen drohte, besannen sich die beiden ihrer Kraft und umfassten sich mit beiden Händen, so haben sie sich im letzten Augenblick nicht verloren.

Oft folgt im Leben, nach einem sehr schlimmen Unwetter, eine schöne ruhige Wetterlage mit Sonnenschein und manchmal Regen. Das brachte der Familie eine Zeit mit wenigen Sorgen.

Die Kinder wuchsen und der Stadtjunge war nun ein gereifter Mann und das Zigeunermädchen eine reife Frau. Sie konnten sehen, wie ihre Kinder sich ihre Berufe suchten und dann auch ihre Liebe fanden. Nun wuchs die Familie der beiden noch weiter und weiter.Auch wenn die Kinder ihre neuen Wohnungen weiter weg suchten, so hatten der Stadtjunge und das Zigeunermädchen doch nie den Kontakt zu ihren Kindern verloren. Auch wenn die Fahrt dorthin manchmal Gegenwind hatte.

Der Mann und die Frau lernten immer mehr mit den Stürmen und den Tsunamis des Lebens zurecht zu kommen. Sie lernten darauf zu vertrauen, dass nach einem Unwetter immer wieder die Sonne durchbricht und die Regentropfen im Gesicht trocknet.

Wenn man die beiden heute sieht, dann sieht man an ihren silbernen Haaren, dass sie schon eine Weile auf dieser Erde sind und viel miteinander erlebt haben. Sie sind stolze Eltern geblieben und heute die glücklichsten Großeltern der Welt, denn die Enkelkinder besuchen die beiden oft und das macht allen große Freude.

Manchmal, am Abend, oder auch während des Tages, schaut das Zigeunermädchen ihren Stadtjungen von der Seite an, und kann kaum glauben, dass sie beide es so lange miteinander immer wieder versucht haben und noch zusammen sind.

Und dann kommt eine Wärme im Herzen des Zigeunermädchens hoch und auch viel Dankbarkeit für alles, was das Leben den beiden geschenkt und gelernt hat, für alles, was die beiden in den gemeinsamen 44 Jahren geformt hat.

 

Eine Geschichte über Oma und Opa für unsere Enkelkinder

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Thea Sieber

  • Gesundheitspraktikerin (BfG) für Entspannung und Vitalität
  • Praktikerin und Lehrerin der EMF Balancing Technique® - Phase I - XIII

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